Ukraine
Geschichte der Juden in der Ukraine
Gedächtnis an den blutigen Sommer des Jahres 1941
Die Ukraine ist seit 1991 ein unabhängiger Staat. Derzeit leben noch rund 300 000 Juden dort. Die Mehrzahl davon sind alte Menschen, viele haben als Kinder oder Jugendliche die Verfolgungen, Schrecken und Gräuel des Naziregimes erdulden müssen. Etliche sind aus Russland hergezogen.
Bei einer Volkszählung Anfang des Jahres 1941 wurden 2,4 Millionen Juden auf dem Territorium der heutigen Ukraine verzeichnet (diese Zahl enthält nicht die Juden aus der transkarpatischen Ukraine und der Krim). Das Gebiet war einst Hochburg jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in Osteuropa. Die Geschichte des jüdischen Volkes dort ist sehr wechselhaft und der Holocaust markiert den grausamen Höhepunkt einer Kette von Leiden und Verfolgungen, denen die Menschen im Laufe der Jahrhunderte ausgesetzt waren.
Schon in der Kosakenzeit wurden jüdische Schankwirte und Landpächter stellvertretend für die verhassten polnischen Grundbesitzer massakriert. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert kam es auch unter den Zaren zu Pogromen, die durch klerikale und zaristisch-nationalistische, antisemitische Hetze verursacht wurden. Nach der russischen Revolution und den Bürgerkriegsjahren 1918-20 brachte auch die sowjetische Herrschaft den Juden keine besseren Lebensbedingungen. Jeder, der bewusst jüdische Traditionen pflegen wollte, geriet in den Verdacht des "Zionismus" und somit ins Visier der Staatsmacht. Das Regime verbot bereits 1939 bis 1941 sämtliche jüdischen Organisationen in der Westukraine, behinderte die Flucht vom deutschen Besatzungsteil Polens in den sowjetischen und deportierte Juden nach Sibirien.
Der 22. Juni 1941, der Tag als Hitlerdeutschland Russland überfiel, markiert für die jüdische Bevölkerung den Beginn des Holocaust auf dem Staatsgebiet der heutigen Ukraine. Es wurde ein blutiger Sommer. Da die Russen auf den Angriff nicht vorbereitet waren, rückten die deutschen Truppen schnell ostwärts. Von der ukrainischen Bevölkerung wurden sie anfangs als Befreier begrüßt. Doch die Hoffnung auf eine unabhängige, freie Ukraine zerschlug sich schnell. Hitler ließ die gesamte Ernte ins Reich schaffen und die Ukrainer mussten hungern. Viele junge Menschen wurden als Zwangsarbeiter verschleppt. Die SS-Sondereinsatzgruppen C und D führten im Rücken der Front einen grausamen Vernichtungskrieg gegen Zivilisten, vor allem Juden, Roma und Kommunisten. Hunderttausende kamen um. Viele junge, faschistisch gesinnte Ukrainer meldeten sich bei den Deutschen zum Hilfsdienst und es wurde eine eigene ukrainische SS-Division aufgestellt. Diese half den Nazis mit Massenerschießungen und Gas-Wagen im ganzen Land beim planmäßigen Morden.
Zwei der unzähligen Massenerschießungen seien hier genannt: Am 19. September 1941 wurde in Zhytomir annähernd die gesamte jüdische Bevölkerung, etwa 10 000 Menschen getötet. Nach der Besetzung Kiews wurden in der Babij Yar Schlucht zwischen dem 29. und 31. September mehr als 33 000 Juden, überwiegend Frauen, Kinder und Alte erschossen. In der Ukraine gibt es kaum eine Stadt ohne Massengräber. Auch kam es nach Kriegsende mit der Rückkehr der Holocaust-Überlebenden aus den KZs und Vernichtungslagern wieder zu antisemitischen Exzessen, weil die ukrainische Bevölkerung inzwischen das ehemalige jüdische Eigentum für sich beanspruchte.
Nach 1945 widmeten die sowjetischen Machthaber dem Gedächtnis der Opfer kaum Beachtung. Die meisten der vielen Gedenkstätten entstanden erst nach der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 und wurden von amerikanischen, israelischen oder westeuropäischen Organisationen finanziert. Seither finden jährlich Ende September Gedenkfeiern in Babij Yar statt. Diese durften unter der Sowjetregierung nicht sein. Unter den Sowjets wurden auch nach dem Krieg Juden, die ihre religiösen und sprachlichen Traditionen pflegten, benachteiligt und verfolgt.
Bis zum Fall des eisernen Vorhangs war es Juden nahezu unmöglich, legal aus den Sowjetstaaten nach Israel, USA oder Europa auszuwandern. Mit Hilfe der Bericha (hebr. Flucht), einer der größten illegalen Hilfsorganisationen, gelangen rund 250 000 Juden Flucht und Auswanderung. Heute ist die Frage der Auswanderung überwiegend eine der finanziellen Möglichkeiten. Für die Jungen ist es leichter nach Israel auszuwandern, den Alten bleibt es meist verwehrt, sie müssen bleiben.
©07/2006 E. Tilgner-Horcher
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